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2. Festival Des Musiques Ultimes, Nevers

Wahrscheinlich hätten wir noch vor drei Jahren laut gelacht, wenn uns jemand erzählt hätte, er sei für eine Band mehr als 800 Kilometer gefahren und dies, obwohl diese Gruppe auf einem Festival spielt, bei dem der Großteil der anderen Künstler undefinierbaren Lärm zum besten gibt. Nun sind einige Jahre vergangen, und wir befinden uns auf dem Weg zum zweiten "Festival Des Musiques Ultimes" in Nevers/Frankreich, idyllisch direkt an der Loire, 200 km südlich von Paris gelegen, und die Band unseres Interesses nennt sich Current 93. Wir beide haben unterschiedliche Transportmittel gewählt, Jörn ist nach einer langen Autofahrt durch Frankreichs schönste Landschaften (auf kleinen Straßen durch Weinberge, malerische Bauerndörfer und Städtchen) mit seinen Begleitern endlich in Nevers eingetroffen, Jan ist schon am Donnerstag samt Freundin mit dem Zug angereist, denn was liegt näher, als das Ereignis mit ein paar Tagen Urlaub zu verbinden? Der Campingplatz ist schön direkt am Flußufer gelegen, jedoch bedurfte es erst dem guten Zureden der Festivalbesucher, damit dieser seine Pforten öffnete, aber auch die Hotels erwiesen sich nach einiger Suche als durchaus erschwinglich. Das Konzertereignis fand im Theatre Municipal von Nevers statt, einem wunderschönen Schmuckstück aus der Zeit des Rokoko mit gerade mal 285 Sitzplätzen, was dem ganzen eine familiäre Atmosphäre verlieh. Die Zeit zwischen den Auftritten verbrachte man mit ausgiebigen Gesprächen auf dem Balkon, und schon bald hatten wir viele neue Kontakte geknüpft, u.a. waren sogar Besucher extra aus den USA (Grüße an Greg und Freunde!) angereist, den Großteil stellten allerdings Franzosen und Deutsche.

Zum Festival: Über einen alternden Herrn aus Berlin, der mit seinen selbstgebastelten Küchengeräten Krach veranstaltet oder einen französischen Künstler mit fettigen Haaren, der das Herumrühren eines Mikros in einer Sandschale als Musik verkauft, möchten wir uns hier nicht weiter auslassen. Uns fehlt möglicherweise beiden das entsprechende Verständnis für "Kunst", uns sprechen Werke von Hieronimus Bosch oder Caspar David Friedrich eben eher an als die namensverwandten Heimwerkerwerkzeuge oder ein Herr Co Caspar. Doch beginnen wir am Anfang des Festivals: mit dem Auftritt von "The Revolutionary Army Of The Infant Jesus". Wunderbare Folkklänge gepaart mit schrägen Arrangements und einer schwebenden weiblichen Stimme, in Harmonie gebracht mit einer aufwendigen Videoprojektion. Ein gelungener Anfang. Danach erfüllten sich die nach diesem grandiosen Auftakt gehegten Erwartungen allerdings nicht. Die meisten Auftritte ließen sich auf das Gerüst "Unstrukturierte Geräusche treffen unmotivierte Video-oder Diashow" reduzieren, weshalb dann beim Headliner des ersten Abends, "Schloss Tegal", etliche Besucher zu später Stunde ob dieses Abwechslungsreichtums ins Land der Träume entschlummerten.

Zur absoluten Überraschung gehörten "O Yuki Conjugate", die gemeinsam mit den "Sons Of Silence" das Projekt "Spoke" bildeten und eine ungewöhnliche Show boten. Der Vorhang lüftete sich, und erstaunt erblickte das Publikum drei junge Knaben in flippigen Anzügen, die ihren mitgebrachten Fahrrädern mit einigen Hilfsmitteln stimmungsvolle Geräusche entlockten. Nach einiger Zeit boten die Musiker eine gelungene Ambient-Dub-Einlage mit fröhlichem Gesang, und groovten putzig zu den bassigen Rhythmen ihrer eigenen Musik über die Bühne. Ein herrlich erfrischender Kontrast zum stellenweise allzu kopflastigen Programm.

David Tibet erwies sich über beide Festivaltage hinweg als ein äußerst sympathischer und publikumsnaher Künstler, dem kein Anliegen der Besucher zuviel war. Schon beim ersten Konzert mischte er sich in Begleitung von Michael Cashmore und Karl Blake unters Publikum, genoß das Interesse um seine Person, glänzte mit seinen Sprachkenntnissen und stand allen Fragen Rede und Antwort. Natürlich versuchten einige Pressekollegen (u.a. Sigill), ihn doch zu einem Interview zu überreden, doch glücklicherweise gab es für ihn keine Ausnahmen.

Als sich dann am Sonntag abend der Vorhang für den letzten Auftritt dieses Festivals öffnete, erhellte sich der Saal schlagartig unter einem Blitzlichtgewitter, und es war endgültig klar, daß nicht nur wir vor allem wegen des Auftritts von Current 93 die lange Reise angetreten hatten. David Tibet gab der Menge, was sie haben wollte. Mit "In The Heart Of The Wood" eröffnete man das Konzert, gefolgt von gut einer Stunde Material aus allen Veröffentlichungen seit der "Thunder Perfect Mind". Während Michael Cashmore himself im Hintergrund mit seinem meisterhaften Gitarrenspiel die musikalischen Fäden zog, erfreute uns Joolie Woods mit ihrem Geigen- und Flötenspiel, Karl Blake allerdings wirkte mit seinem Baßspiel stellenweise stark überfordert. Die volle Aufmerksamkeit konnte David Tibet fast für sich allein verbuchen, seinen charismatischen, ausdrucksstarken und gestenreichen Ausführungen konnte man sich kaum entziehen. Am Ende bewies man jede Menge Humor, als David Tibet den kleinen Sohn Joolie Woods als Verstärkung auf die Bühne holte, und der Auftritt mit einer laut schrägen und abgedrehten Version von "Lucifer over London" sein krönendes Ende fand.

Ein äußerst gelungenes Festival in einer wunderschönen Gegend. Bis zum nächsten Jahr!


Jan / Jörni, aus der Pest Nr. 4